Das Video geht rund eine halbe Stunde, seit es am 4. Mai hochgeladen wurde, haben es eine Woche später bereits über drei Millionen Menschen auf Youtube angesehen. Gates kapert Deutschland!, so lautet der Titel des Videos, das Ken Jebsen – Betreiber der Plattform KenFM – als Kritik zur Corona-Politik in Deutschland ins Netz gestellt hat. Viele teilen sein Video auch auf anderen Plattformen. Darunter auch die AfD Müncheberg und der AfD Ortsverband Burladingen.
Daraufhin sprach Jebsen auf einer Demonstration auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart gegen Beschränkungen in der Corona-Krise und bezeichnete das vorherrschende politische System als eine seit 1949 anhaltende „Demokratie-Simulation“. Er sagte, Corona würde instrumentalisiert, um „den Staat noch mächtiger und den Bürger noch ohnmächtiger zu machen“ und zieht weitere Vergleiche unter anderem zu „Rassengesetzen“ im Zweiten Weltkrieg.
Unter dem Video Gates kapert Deutschland! werden bereits im Beschreibungstext die Kernaussagen zusammengefasst:
- Bill Gates steuere die Corona-Maßnahmen in Deutschland
- Der Plan: eine weltweite Impfpflicht
- Impfstoffe würden nicht genügend getestet
- Masken zu tragen sei schädlich
- In Deutschland entstehe eine Diktatur
Wir zeigen das Video an dieser Stelle bewusst nicht, um ihm nicht zu mehr Reichweite zu verhelfen.
Wer ist eigentlich Ken Jebsen von KenFM?
1. Bill Gates steuere die Corona-Maßnahmen in Deutschland
Die Theorie: Bill Gates und dessen Frau Melinda Gates würden über Gelder, die sie mit ihrer Stiftung in die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fließen lassen, ihre eigenen Interessen in der Welt durchsetzen. Dabei ginge es ihnen um die Entwicklung eines Impfstoffs, „der dann sieben Milliarden Menschen verpasst werden soll. Ob sie wollen oder nicht.“ Die Bundesregierung würde die Pläne der WHO – also eigentlich die des Gates-Ehepaares – über Maßnahmen und letztlich eine Impfpflicht weltweit und auch in Deutschland umsetzen. Denkbar, dass es am Ende um die Reduzierung der Weltbevölkerung ginge, über einen Zusatz von Sterilisationsmitteln in den Impfstoffen.
Die Fakten: Die Gates-Stiftung würde zu einem Anteil von über 80 Prozent die WHO finanzieren, behauptet Jebsen. „Gates setzt auf Impfstoffe und zieht dazu alle Register. Er kauft sich überall ein“, heißt es auch noch einmal im Text unter dem Video. Das ist falsch, die Stiftung stellt lediglich 9,76 Prozent, wie der öffentlich zugänglichen Finanzierungsliste zu entnehmen ist.
Insgesamt wird die WHO zu 80 Prozent aus zweckgebundenen Spenden finanziert. Damit bleibt die Frage danach, nach welchen Interessen sie sich richten muss und welche wirtschaftlichen Anliegen hinter den Investitionen stehen, absolut relevant. Wer die WHO finanziert, hat der ARD-Faktenfinder aufgeschlüsselt.
Kritik konkret an den Investitionen der Gates-Stiftung insbesondere bei der WHO gab es in den vergangenen Jahren immer wieder. Experten bemängelten, dass das Geld nur in bestimmte Bereiche fließe, die für Gates interessant seien – andere würden dabei finanziell vernachlässigt. Investitionen werden oft zweckgebunden zur Verfügung gestellt. Die Hintergründe hat SWR2 Wissen bereits 2017 recherchiert.
Gates hat sich immer wieder stark gemacht für die Vorbereitung auf eine mögliche Pandemie sowie insgesamt für Impfschutz, wie auch der ARD-Faktenfinder ausführt:
Man muss schon lange suchen, um jemanden zu finden, der lauter und ausdauernder vor dem warnte, was die Welt gerade erleidet: eine Pandemie. Bill Gates tat es in Videos, in Zeitungsartikeln und in wissenschaftlichen Aufsätzen. [...] Das Risiko, dass Millionen Menschen durch einen Nuklearkrieg ums Leben kommen würden, sei viel geringer als durch ein unbekanntes Virus, mahnte Gates.
Bill Gates hat also sicher ein Interesse an der Forschung und dem Vorantreiben der Entwicklung von Impfstoffen, er ist aber mit seiner Stiftung und rund 10 Prozent der Anteile an der Finanzierung der WHO sicher nicht derjenige, der die Maßnahmen für die Welt festlegt, was auch die unterschiedlichen Beschränkungen und Vorgehensweisen der Länder in der Corona-Krise belegen. Und es gibt größere Geldgeber: Die Vereinten Nationen beispielsweise finanzieren 14,67 Prozent, weshalb die ausgesetzten Zahlungen durch Donald Trump in der Corona-Krise für Diskussionen sorgten. Auch Deutschland stellt 5,68 Prozent der Finanzierungen.
Jebsen nennt in seinem Video in einer Aufzählung auch die Tatsache, dass Menschen mit Mundschutz herumlaufen, als Ergebnis des Einflusses der Gates-Stiftung auf die WHO. Tatsächlich hat sich aber gerade diese mit der Empfehlung eines Mund-Nasen-Schutzes zurückgehalten. In Österreich oder Deutschland wurde eine Maskenpflicht eingeführt, als es seitens der WHO weiterhin keine ausdrückliche Empfehlung dafür gab. Masken alleine könnten die Ausbreitung der Atemwegserkrankung Covid-19 nicht stoppen, so die Argumentation. Die WHO warnte auch, durch das Tragen könne ein „falsches Sicherheitsgefühl“ entstehen.
Blick hinter die Kulissen So entstehen Faktenchecks bei SWR3
Wer entscheidet, wozu es einen Faktencheck bei SWR3 gibt? Welche Regeln und Kriterien gibt es und wie genau gehen die Redakteure bei der Recherche vor? Hier erklären wir, wie wir arbeiten.
Weiter behauptet Jebsen, das Gates-Ehepaar habe auch veerschiedene Medien „gekauft“. Das ZDF bemerkt im Faktencheck dazu, die Zahlen seien „ohne den nötigen Kontext“ genannt. Zahlungen der Gates-Stiftung an mehrere deutsche Medien seien dafür gedacht, deren Berichterstattung aus Krisengebieten weltweit zu unterstützen. Youtuber Walulis hat nachgerechnet: Die Gelder, die an das Magazin Spiegel geflossen waren, machten etwa ein Prozent des Bruttogesamtumsatzes des Jahres aus. „Damit kontrolliert man gar nichts“, so Walulis.
Und auch Virologe Christian Drosten von der Charité würde von der Gates-Stiftung bezahlt. „Projektgebundene Fördergelder etwa an die Berliner Charité fließen nicht direkt an beteiligte Forscher wie Christian Drosten, wie Jebsen behauptet, sondern an die Institutionen. Im Vergleich zum jährlichen Budget der Charité von 1,8 Milliarden Euro im Jahr 2018 macht die Förderung der Gates-Stiftung in Höhe von 250.000 Euro im März 2020 einen verschwindend geringen Teil aus“, so das ZDF.
Das Rechercheportal Correctiv stellt fest: „Diese zentrale Behauptung in dem Video von KenFM (etwa Minute 8:00 bis 16:00) kann als Verschwörungstheorie bezeichnet werden.“
Aber weshalb trifft diese Theorie auf so große Resonanz, warum steht ausgerechnet Bill Gates im Zentrum? Flemming Ipsen von Jugendschutz.net erklärt das Phänomen im Interview mit SWR Aktuell:
Eines der populärsten Narrative ist, dass Bill Gates hinter dem Virus stecke, um sich mit angeblichen Investitionen in Impfstoffe zu bereichern. Oder einige gehen sogar so weit, ihm zu unterstellen, er würde dann im Zuge angeblicher Zwangsimpfungen Menschen mit einem Chip versehen wollen. Das sehen wir durchaus, dass hier letztlich die Argumentation von Impfgegnern eine große Verbreitung findet.
Gerade auch ein solch klares Feindbild dient der Popularisierung von Verschwörungserzählungen, weil hier kann dann etwas festgemacht werden. Gerade in Zeiten, die für viele Menschen mit großen Verunsicherungen oder einem gefühlten Kontrollverlust einhergehen, gibt ein solch eindeutiges Feindbild letztlich vermeintlich Orientierung. Während es schwierig ist, gegen ein unsichtbares Virus irgendwie anzukämpfen, sind der Hass und das so personifizierte Böse wie in Form von Bill Gates schlicht greifbarer.
Kritische Wachsamkeit sei gut, nicht aber „Pseudoskepsis“, sagt Bernd Harder, Journalist und Sprecher der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP), im Deutschlandfunk Kultur:
Es ist die Mischung aus Macht- und Kontrollverlust, die die Menschen anfällig für solche Verschwörungstheorien macht.
Psychologin Pia Lamberty forscht an der Universität Mainz zu Verschwörungstheorien. Sie erklärt der Tagesschau, die Gespräche zeichneten sich vielmehr dadurch aus, dass hinter der etablierten Wissenschaft und dem Handeln der Regierung eine dunkle Macht heraufbeschworen würde, die im Geheimen Böses tut. Viele Theorien, die jetzt zu Corona im Umlauf seien, folgten einem bekannten Muster:
Es gibt die bösen Verschwörer, die die Welt zerstören wollen in irgendeiner Art und Weise und es gibt die Guten, die die Wahrheit sehen, die wissen, wie es wirklich läuft.
2. Der Plan: eine weltweite Impfpflicht
Die Theorie: Über das Interesse von Bill Gates, weitergegeben an die WHO, solle es laut Jebsen zu weltweiten Impfungen kommen. In Deutschland sei eine Impfpflicht durch den Immunitätsausweis bereits eingeleitet.
Die Fakten: In einem Gesetzentwurf von Ende April wurde der Vorschlag vom Bundeskabinett eingebracht, einen Immunitätsausweis für Deutschland zu diskutieren. Dieser sei eine Art Impfpass für Menschen, die immun gegen das Virus seien – weil sie COVID-19 bereits überstanden haben oder, wenn es eine Schutzimpfung gibt, von dieser Gebrauch machen würden. Wer eine Immunität nachweisen könne, könnte von bestimmten Beschränkungen und Pandemie-Maßnahmen ausgenommen werden.
Im Gesetzentwurf stand nichts von einer Impfpflicht. In Videos auf Youtube und in sozialen Netzwerken wurde hingegen behauptet, eine Impfpflicht sei bereits für den 15. Mai 2020 beschlossen. Das ist falsch. Das Bundeskabinett könnte das gar nicht alleine durchwinken, es kann lediglich ein Entwurf an Bundestag und Bundesrat weitergereicht werden, wie die SWR-Rechtsredaktion für SWR3 bestätigte.
Der umstrittene Entwurf für einen Immunitätsausweis wurde gestrichen. Die Bewertung einer solchen Möglichkeit liegt beim Deutschen Ethikrat, weil es Zweifel daran gibt, ob hierdurch eine Ungleichbehandlung von Menschen entstehen könne.
Eine Impfpflicht hingegen – oder einen Impfzwang, wie es oft in sozialen Netzwerken genannt wird – ist im Moment nicht geplant. Auch unter Wissenschaftlern wird das Thema Impfpflicht derzeit nicht diskutiert, wie die SWR-Wissenschaftsredaktion für SWR3 bestätigte. Dies könne sich aber ändern, wenn tatsächlich ein Impfstoff entwickelt sei.
Experten rechnen frühestens Ende des Jahres mit einem Impfstoff. Viele gehen davon aus, dass sich dann auch erst einmal ein Streit darüber einstellen wird, wer als erstes den Impfstoff bekommt. Das Problem, das sich also wahrscheinlich schneller stellen wird ist die Frage, ob Länder, die nicht finanzstark sind, bei der Bekämpfung der Pandemie durch Impfungen hinten anstehen werden.
3. Impfstoffe würden nicht genügend getestet
Die Theorie: Impfstoffe gegen das Coronavirus sollen möglichst schnell auf den Markt kommen. Jebsen unterstellt, diese würden zu wenig überprüft, im Text unter dem Video heißt es: „Zudem nimmt die Merkel-Regierung Impfschäden durch nicht genügt getestete Medikament billigend in Kauf.“ (Schreibfehler im Originaltext)
Die Fakten: Zunächst sind Impfstoffe und Medikamente gegen Corona zwei verschiedene Dinge, an beidem wird geforscht. Das Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, hat die erste klinische Prüfung eines Impfstoffs gegen COVID-19 in Deutschland genehmigt. Es soll in der Corona-Pandemie möglichst schnell gehen, Impfstoffe zu entwickeln.
Das für die Genehmigung klinischer Prüfungen sowie die Bewertung und Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständige Paul-Ehrlich-Institut unterstützt die COVID-19-Impfstoffentwicklung mit höchster Priorität. Mit seiner frühen und umfassenden wissenschaftlichen Beratung wird erreicht, dass die Impfstoffentwicklung zielgerichtet beschleunigt wird und trotzdem die notwendigen wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt werden.
Zu großen Zeitdruck dürfe es jedoch bei der Entwicklung des Impfstoffs nicht geben, sagte Klaus Cichutek, der Chef des Instituts, gegenüber der Tagesschau. Die Beschleunigung gelänge, weil man verschiedene Phasen parallel laufen lassen würde – nicht, weil man einzelne Schritte des Genehmigungsverfahrens beschleunigen oder aussetzen würde. „Dabei wird darauf geachtet, dass die erforderliche Sorgfalt nicht beeinträchtigt wird“, heißt es in einer Pressemitteilung.
In sozialen Netzwerken und auf Demonstrationen wird immer wieder eine Änderung des Medizinproduktegesetzes als Beleg angeführt, dass Impfstoffe in der Corona-Krise weniger getestet würden. Tatsächlich regelt aber das Arzneimittelgesetz die Kontrollverfahren für Impfstoffe, nicht das Medizinproduktegesetz.
4. Masken zu tragen sei schädlich
Die Theorie: Natürlich ist es Bill Gates, der dafür verantwortlich ist, dass wir in Deutschland eine Maskenpflicht haben. Jebsen behauptet zum Tragen von Mundschutz, wir müssten das tun, obwohl „jeder normale Arzt sagt, die sind schädlich.“
Die Fakten: Es ist umstritten, wie viel welche Masken tatsächlich bringen. Hier gibt es je nach Typ des Mundschutzes Unterschiede. Klar ist aber: Einen einfachen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, wie es in Deutschland beim Einkaufen oder bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel vorgeschrieben ist, ist nicht schädlich im Sinne dessen, dass es sich direkt gesundheitlich negativ auswirken würde. Gerüchte, die auch per Whatsapp verteilt wurden, man würde unter der Maske zu viel Kohlendioxid einatmen, sind Unsinn, da sind sich Experten einig. Viele warnen allerdings vor Anwendungsfehlern oder davor, Abstands- und Hygieneregeln wegen des gefühlten Schutzes zu vernachlässigen.
SWR3-Faktencheck Was ist dran an der „Zerstörung des Corona Hypes“?
Waren die Maßnahmen in Deutschland ungerechtfertigt, die Kontaktsperre und der Shutdown völlig unnötig? Das jedenfalls behauptet ein Student in einem Video, das auf Youtube viral geht. Was ist dran?
5. In Deutschland entstehe eine Diktatur
Die Theorie: In Deutschland entstehe eine Diktatur, natürlich unter der Führung des Gates-Ehepaares. Jebsen ruft auf seinem Kanal KenFM zu Demonatrationen und Widerstand auf: „Wir schlittern hier mit riesigen Schritten in eine digitale Diktatur und deswegen möchte ich an dieser Stelle die deutsche Bevölkerung explizit dazu aufrufen, sich dem entgegen zu stellen. Ich rufe Sie dazu auf, sich an den Artikel 20 des Grundgesetzes zu erinnern. [...] Da steht nämlich, Artikel 20, Sie haben das Recht auf Widerstand.“
Jebsen behauptet: In Berlin seien bei einer Demonstration Menschen verhaftet worden, weil sie das Grundgesetz offen bei sich getragen haben.
Die Fakten: Im Grundgesetz steht, dass es ein Widerstandsrecht gegen die Abschaffung der Grundrechte gibt – hier steht neben dem Widerstand aber noch ein weiterer Aspekt, den Jebsen unterschlägt. Nämlich, dass dies gilt, „wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“
Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Nach Angaben der SWR-Rechtsredaktion greift das Widerstandrechts dann, wenn es darum geht, sich gegen einen verbrecherisches Unrechtsregime zu wehren – etwa vergleichbar mit der Nazidiktatur – und wenn eine diktatorisch handelnde Staatsmacht fundamentale Grund- und Menschenrechte verletzt oder missachtet.
Tatsächlich unterliegt in Deutschland jedes staatliche Handeln der Kontrolle durch die Gerichte. In Deutschland hat jeder das Recht, sich gegen staatliche Maßnahmen vor Gericht zu wehren. Die Gerichte arbeiten unabhängig. Diese Unabhängigkeit wird sogar vom Grundgesetz abgesichert, Artikel 97 Absatz 1 Grundgesetz.
Kritiker wie Jebsen können folglich vor Gericht klagen, wenn sie sich zu Unrecht eingeschränkt fühlen. Diese Möglichkeit steht jedem offen und wird auch genutzt. In etlichen Eilentscheidungen haben die Gerichte auch schon einzelne Anordnungen gekippt. Außerdem können sich Kritiker auf die Meinungsfreiheit und Demonstrationsfreiheit berufen, wenn sie mit Corona-Maßnahmen nicht einverstanden sind. Das Entscheidende: Die Maßnahmen werden von der unabhängigen Justiz kontrolliert, nicht von der Bundesregierung, der WHO oder von Bill Gates.
Auch einer der triftigsten angeblichen Belege Jebsens dafür, dass hierzulande keine Grundrechte mehr gelten, ist eine Lüge: In Berlin wurden keine Menschen verhaftet, weil sie das Grundgesetz bei sich trugen. Angeblich sei dies in einem Video zu sehen, das durchs Netz gereicht wurde. Die zuständige Polizei schreibt in ihrem Bericht von einer ganz anderen Lage.
Die Personen, die sich dort zu einer größeren Demonstration formieren wollten, haben ein klares Statement gegen den Infektionsschutz, gegen den Schutz anderer gesetzt und unverantwortlich gehandelt.
Diese „18 Uhr Demonstration“ konnten wir verhindern. Ebenso wie eine größere Versammlung am Rosa-Luxemburg-Platz. Wir haben zahlreiche Freiheitsentziehungen und Freiheitsbeschränkungen wegen Verstößen gegen die Eindämmungsverordnung durchgeführt. Wir waren immer wieder gefordert, zu verhindern, dass sich Hunderte zusammenfinden und damit ein Super-Spreading-Event veranstalten und das Virus womöglich vielfach weiterverbreiten.
[...] Es erweckte den Anschein, dass man die Konfrontation mit uns sucht, was meine Kolleginnen und Kollegen zusätzlichen Gefahren ausgesetzt hat.
Die Demo auf dem Rosa-Luxemburg-Platz verstieß also gegen Auflagen, einzelne Teilnehmer hatten sich geweigert, zu gehen – es gab keine Probleme etwa, weil sie das Grundgesetz bei sich trugen. Und sie wurden festgenommen oder erhielten Platzverweise, von Verhaftungen ist im Polizeibericht nichts zu finden.
Die Lage in Deutschland also mit einer Diktatur zu vergleichen, missachtet die Schicksale jener, die in einer echten Diktatur leben oder gelebt haben.
Verschwörungstheorien: Warum glauben Menschen so etwas?
Wer ist eigentlich Ken Jebsen von KenFM?
Ken Jebsen stellt sich selbst auf Youtube als freier Journalist vor und bezeichnet sich gleichzeitig auch als Aktivist. Er sagt von sich in einem seiner Videos, er habe „eine relativ schwierige Jugend“ gehabt.
Bis 2011 war Ken Jebsen als Moderator beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) tätig. Der rbb beendete die Zusammenarbeit, weil Beiträge nicht den journalistischen Standards entsprachen, wie es in einer Pressemitteilung hieß:
Der Sender hat Herrn Jebsen gegen den Vorwurf verteidigt, er sei Antisemit und Holocaust-Leugner. Allerdings mussten wir feststellen, dass zahlreiche seiner Beiträge nicht den journalistischen Standards des rbb entsprachen. Daraufhin haben wir mit ihm verbindliche Vereinbarungen über die Gestaltung der Sendung KenFM getroffen. Diese hat er wiederholt nicht eingehalten. Wir bedauern das und müssen auf seine Mitarbeit künftig verzichten.
Vorausgegangen war der Vorwurf, Jebsen habe den Holocaust geleugnet – er schrieb einem Hörer „Ich weis wer den Holocaust als PR erfunden hat“ (Schreibfehler im Originaltext). Viele Medien berichteten, auf dem Youtube-Kanal von KenFM ist die Stellungnahme dazu noch zu finden. Hier erklärt er den Vorgang: Der Journalist Henryk M. Broder habe den „privaten Mailverkehr mit einem Hörer“ in seinem Blog veröffentlicht und ihm Antisemitismus vorgeworfen. Jebsen wies dies von sich:
Ich verstehe mich als Humanisten und Demokraten und stehe für kritischen Journalismus.
Drei Jahre später, 2014, sagte Ken Jebsen bei einer sogenannten Montagsmahnwache in Berlin in einer viel zitierten Rede:
Demokratie löst nicht alle Probleme. Das denkt man, dass Demokratie alle Probleme lösen kann. Es gibt auch andere Möglichkeiten. Und da orientiere ich mich auch an der Natur. Stellt euch mal vor: Zugvögel würden die Reise nach Afrika demokratisch organisieren. Die kämen nur bis Sylt!
Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin hat sich hier 2014 damit befasst, welche Menschen zu den umstrittenen Montagsmahnwachen gehen und welche Ziele und politischen Bedürfnisse sie haben. Jebsen betonte seinerseits immer wieder, keiner extremen politischen Richtung anzugehören oder sie zu unterstützen.
Nach der Beendigung beim rbb sendete der Ex-Moderator unter dem Sendungsnamen KenFM weiter – allerdings im Internet, auf einer Website und einem eigenen Youtube-Kanal und fiel immer wieder durch Verschwörungstheorien auf. In einem seiner Videos beispielsweise erklärte er, dass in Wahrheit die Amerikaner selbst hinter den Anschlägen auf das World Trade Center steckten. Auch die Presse würde manipuliert, so Jebsen: „Massenmedien sind die Kontrollinstrumente der Eliten. Dort sprechen die Reichen zu uns, dem Volk“. Das Rechercheportal Correctiv berichtet 2016 über KenFM und stellt fest:
Jebsens Gesprächspartner in den oft mehrstündigen Interview-Sendungen: Verschwörungstheoretiker, neurechte Denker und all jene, die sich gegen den „Mainstream“ stellen.
In besagtem Bericht von 2016 ist die Rede von 150.000 Abonnenten auf YouTube, heute sind es 475.000. Dazu beigetragen hat sicher auch die Corona-Krise, in der die Plattform erneut Aufmerksamkeit gewonnen hat.
Viele Experten sehen den Kanal gerade in der Corona-Krise als Forum für Verschwörungstheorien, bei denen es gerade nicht um sachliche Argumente und widerstreitende Meinungen geht, auch wegen Auftritten umstrittener Experten wie Wolfgang Wodarg, Bodo Schiffmann oder Sucharit Bhakdi. KenFM erklärte auf Nachfrage der Tagesschau, man lege Wert auf Vielfalt und Diskussion.
Jebsen wird aktuell von Seiten der AfD zitiert. Das rechtspopulistische Magazin Compact begleitet seine Aussagen ebenfalls schon. Er selbst betonte immer wieder, dass er sich auf keiner politisch extremen Seite einordnet. Das Rechercheportal Correctiv schreibt dazu: „Viele dieser Positionen überschneiden sich mit denen der AfD – wobei Jebsen immer wieder auch neurechte Positionen kritisiert, vor allem die Hetze gegen Muslime und Flüchtlinge. Von Compact-Gründer Jürgen Elsässer distanzierte sich Jebsen, als dieser anfing, in seinen Texten gegen Ausländer zu polemisieren.“
Medienjournalist Daniel Bouhs ordnet im Deutschlandradio Kultur ein, Jebsen selbst würde zwar nicht zur Gewalt aufrufen, generiere aber eine Stimmung:
Ken Jebsen spielt schlicht mit denselben Reizen und Reflexen wie das beispielsweise auch „RT Deutsch“ [Anmerkung: RT Deutsch ist ein Ableger des russischen Auslandssenders RT] macht: Er berichtet und spricht an, worüber „die Medien“ – wie er sie selbst immer wieder gerne sagt – schweigen. Er beteiligt sich [...] an den Verschwörungen um Bill Gates [...]. Das ist schon, kann man sagen, krudes Zeug.